Walther-Rathenau-Str. 16 (früher 18)

Hier wohnte Alter im
Jahr 1933
Schicksal Bemerkungen
Adolf Guckenheimer
geb. 4.2.1877
56 deportiert nach Kaunas;
ermordet 25.11.1941

Kaufmann und Mitinhaber der hier befindlichen Firma für Holz- und Baumaterialien;
verh. mit Settchen; Bruder von Ludwig

Settchen Guckenheimer
geb. Hochstädter
geb. 24.10.1880
53 deportiert nach Kaunas;
ermordet 25.11.1941
verh. mit Adolf
Erna Guckenheimer,
verheiratete Koch
geb. 1903
30   Tochter von Adolf und Settchen

Ludwig (Louis) Guckenheimer
geb.

? gest. 27.6.1937 in San Remo Kaufmann und Mitinhaber der hier befindlichen Firma für Holz- und Baumaterialien;
Bruder von Adolf;
verh. mit Rosa
Rosa Guckenheimer
geb. Grünbaum
geb. 9.2.1876
57 deportiert nach Theresienstadt; ermordet 15.11.1942 verh. mit Ludwig
Julius Levi ? ? ?
Die folgenden Personen der Familie Guckenheimer haben wohl nicht in diesem Haus gewohnt:      
Simon Guckenheimer
geb. 10.1.1832
? gest. 5.9.1911 Vater von Adolf und Ludwig;
Grab auf dem jüd. Friedhof B3/20
Regina Guckenheimer
geb. Fuchs
? ? Mutter von Adolf und Ludwig;
Ehefrau von Simon
Aron Guckenheimer
- gest. 1907 1905 Schuhhandel und Mützen;
Bruder von Simon?
Jeanette Guckenheimer,
geb. Kassel
geb. 9.7.1847
-   Ehefrau von Aron
Schwägerin von Simon?
Grab auf dem jüd. Friedhof B3/20

Recherchen im Jahr 2008 ergaben folgende Informationen über die Menschen und die Häuser, in denen sie wohnten:

Anzeige aus dem Jahr 1927

Was wurde aus den Guckenheimers, die schon früh Groß-Gerau verlassen haben, um in Wiesbaden und Frankfurt Zuflucht zu suchen?

Adolf lebte bis 1934 in Groß-Gerau und betrieb zusammen mit dem Bruder Ludwig eine Baustoffhandlung. Er wurde nach dem Umzug von der Hermannstraße 4 in die Scheffelstraße 7 und Eschersheimer Landstraße 39 (ein sogenanntes Judenhaus) von Frankfurt aus am 22. 11. 1941 zusammen mit seiner Frau Settchen in der dritten großen Deportation nach Riga verschleppt. Der Transport wurde jedoch nach Kowno (Kaunas) umgeleitet, wo die Eheleute am 25. 11. 1941 ermordet wurden. Ins Gedenkblatt des Bundesarchivs wurden beide von der Enkelin Ruth Veith, geb. Guckenheimer eingetragen.

Die Tochter Erna besuchte die Höhere Bürgerschule in Groß-Gerau. Rosa Guckenheimer, geb. Gruenebaum, verheiratet mit Louis, starb im Alter von 66 Jahren im KZ Theresienstadt. Der in den Verträgen genannte Julius Levi hatte seinen Wohnsitz ebenfalls in der Rathenaustraße 18 und ist vielleicht der Ehemann einer der Töchter von Guckenheimers. In welcher verwandtschaftlichen Beziehung Lucie Levi, jetzt Loory, geb. Guckenheimer, im New York der Nachkriegszeit lebend, steht, ist nur zu vermuten, vielleicht ist sie die Ehefrau von Julius Levi, jedenfalls eine geborene Guckenheimer.

Ludwig Guckenheimer und seine Ehefrau Rosa, geb. Grünebaum und Adolf Guckenheimer und seine Ehefrau Settchen, geb. Hofstädter erwerben die Hofreite in der Ringstraße (danach Walther-Rathenau-Straße, danach Adolf-Hitler-Ring, danach wie während der Weimarer Republik) mit 1200 qm im Jahre 1902. Bereits am 3. 10. 1933 erscheinen Ludwig Guckenheimer, Wiesbaden, Emserstraße 36 mit Ehefrau Rosa, Adolf Guckenheimer, Frankfurt a. M., Scheffelstraße 25, zusammen mit Ehefrau Settchen sowie Julius Levi, ebenfalls in Wiesbaden, Emserstraße wohnhaft, beim Notar, um einen Kaufvertrag mit Otto Wilhelm Horst, Darmstadt, Peter-Gemeinder-Straße 17 und Ernst Nikolaus Horst, Goddelau, Bahnhofstraße abzuschließen. Verkauft werden außer der Ringstraße (= Adolf-Hitler-Straße 18) Bauplätze in der Schillerstraße. Levi verkauft zusätzlich einen Acker „zwischen Gernsheimer und Berkacherstraße“ (Baugelände), insgesamt zu einem Kaufpreis von 40.000 RM, rückwirkend zum 1. 10. 1933. Nach Weihnachten 1933 weist der Notar darauf hin, dass eine Meldepflicht „hinsichtlich verdächtiger Grundstückveräußerungsgeschäfte“ für nicht arische Verkäufer nicht rückwirkend gelte. Er persönlich habe aber nichts gegen eine Erinnerung, falls das Grundbuchamt eine entsprechende Meldung benötige. Guckenheimers wohnen bereits am 17. 10. 1933 fest in Frankfurt bzw. Wiesbaden.

Im Rückerstattungsverfahren meldet sich die Jewish Restitution Successor Organization im Mai 1950 und will Einsicht in die Grundbucheintragungen zum Kaufvertrag vom 3. 10. 1933. Zu diesem Zeitpunkt tauchen die Brüder Horst schon nur mehr als Zwischeneigentümer für einen Teil der 1933 erworbenen Objekte auf. In einem weiteren Kaufvertrag bei RA Dr. Kraft einigen sich die Brüder Horst auf einen Vorkaufsrechtevertrag, in dem u. a. die Ringstraße mit 1200 qm von Otto Wilhelm Horst, Darmstadt, für seinen Bruder Ernst Nikolaus Horst und dessen Erben für das Handelsgeschäft a) in Groß-Gerau b) in Goddelau gesichert wird.

Am 17. 7. 1949 erfolgt die Vermögenssperre für die Walther-Rathenau-Straße 18 und die Schillerstraße 4-8, die Elisabethenstraße 22. Das Wiedergutmachungsverfahren wird eingeleitet, betrieben von der JRSO für Ludwig, Rosa, Adolf und Settchen Guckenheimer gegen die Brüder Horst. Am 31. 7. 1950 werden als jetzige Grundstückseigentümer Lucie Levi, jetzt Loory, geb. Guckenheimer nach Ludwig und Adolf Guckenheimer und Levy für sich und Miterben benannt.

Am 26. 9. 1952 wird die Rückerstattung durch Vergleich der Kontrahenten als erledigt gemeldet. Ernst Nikolaus Horst ist am 5. 7. 1957 verstorben; er war verheiratet mit Klara, geb. Winau. Otto Werner Horst und Werner Horst, wohnhaft in der Walther-Rathenau Straße 16 einigen sich auf die Übertragung von drei Grundstücken im Gesamtwert von 160.000 DM vom Vater (Otto W.) auf den Sohn (Werner)

Außerdem finden sich Grundbuchakten unter Adolf Guckenheimer, Frankfurt, Hermannstraße 4, und zwar ein Kaufvertrag mit Philipp Peter Ruckelshausen, Groß-Gerau, Stollgasse 7, mit Bevollmächtigung durch Ludwig Guckenheimer, Wiesbaden, Emserstraße 36, bezüglich des Objekts Grundbuch 1677, Flur X, Nr. 19, Acker = Neuwieshecke, 2344 qm über 800 RM unter dem Datum vom 17. 4. 1937. Die Veräußerungsvollmacht des Ludwig Guckenheimer, Wiesbaden, an Adolf Guckenheimer, Frankfurt, datiert vom 30. 3. 1937. Philipp Peter Ruckelshausen kauft zur Versorgung für seine minderjährige Tochter drei Grundstücke von Guckenheimer, Sensfelder und Mischlisch.

Ebenfalls in der Grundbuchakte unter Adolf Guckenheimer findet sich eine Anforderung der Jewish Restitution Successor Organization vom 22. 5. 1950: Erwünscht sind Grundbuchauszüge über Objekte, die früher im Eigentum von Adolf Guckenheimer waren, jetzt aber in dem von Heldmann II, Wilhelm und Otto Horst sind. Bezug ist ein Kaufvertrag vom 23. 6. 1936, in dem Otto Wilhelm Horst und Ernst Nikolaus Horst einen Grabgarten (Bd. 30, Bl. 2080, Nr. 1 Flur 18, Nr. 109 96/100) über 279qm an Wilhelm Heldmann und dessen Ehefrau Dorothee, geb. Metzler, Groß-Gerau, verkaufen.

Erklärungsbedarf bleibt bezüglich des Schicksals von Ludwig Guckenheimer. Dass er am 27- 6- 1937 in San Remo verstarb, geht aus dem folgenden Vertrag seiner Witwe mit der Stadt Groß-Gerau hervor:

Aus dem Grundbuch Groß-Gerau XXVI Bl. 1677, Pl. V Nr. 105 ist ein Kaufvertrag vom 10. 10. 1939 bekannt zwischen Adolf Guckenheimer, jetzt Adolf „Israel“ in Frankfurt a. M., Hamannstraße 4, und seiner Schwägerin Rosa „Sara“ Guckenheimer, geb. Grünebaum, der Witwe des Bruders von Adolf Ludwig Guckenheimer, Wiesbaden, Emser Straße 36 und dem Groß-Gerauer Bürgermeister Götz, Nachfolger Stavinogas, für die Stadt. Die Stadt erwirbt von Guckenheimer für 2236 RM den „Acker am Weidlicher Weg“, Übergabe zum 15. 11. 1939. Von dem Betrag werden 450 RM als „Ausgleichsabgabe zugunsten des Reiches“ eingezogen laut Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens vom 3. 12. 1938, wie der Reichsstatthalter in seiner Genehmigung des Vertrages feststellt. Die Witwe Rosa legt einen Erbschein nach Louis Guckenheimer vor, wonach dieser am 27. 6. 1937 in San Remo verstarb.