
Sandböhl 8 bzw. 14 / Ecke Kirchstraße

| Hier wohnte | Alter
im Jahr 1933 |
Schicksal | Bemerkungen | |
|---|---|---|---|---|
| Michael (Emil) Marx geb. 5.1.1873 |
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60 | 1942 deportiert nach Theresienstadt; ermordet | Kaufmann; Frucht- und Mehlhandlung; |
| Emilie Marx geb. Kramer geb. 21.12.1881 |
gest. 10.8.1924 |
Ehefrau von Emil; Die beiden Schwestern von Emilie heiraten die Brüder Isidor und Josef Koppel aus Bretten. Von dort gibt es ein Familienfoto. |
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Hedwig Marx |
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24 | 1942 deportiert nach Theresienstadt und ermordet | Tochter von Emil und Emilie Grabinschrift auf jüd. Friedhof B5/37 |
| Martin Marx geb. 15.11.1911 |
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22 | am 13.7.1936 ausgewandert in die USA |
Sohn von Emil und Emilie; Kaufmann; Martin legt für seine Eltern bei Yad Vaschem ein Gedenkblatt an und es sind Briefe des jungen Martin erhalten. |
| Johanna Kossmann geb. Mayer geb. 29.12.1874 |
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59 | deportiert 1942 nach Theresienstadt; ermordet 15.11.1942 | Haushälterin von Emil und Emilie |
| Albert Kaufmann geb 1884 |
49 | deportiert 1941 nach Polen dort ermordet | 1934 zugezogen aus Geinsheim | |
| Hedwig Kaufman geb. May geb. 1869 |
64 | deportiert 1942 nach Polen dort ermordet | Ehefrau von Albert | |
| Menachem Kaufmann geb. 1921 |
12 | ausgewandert nach Israel | Sohn von Albert und Hedwig | |
| Erwin Kaufmann |
ausgewandert nach USA | Sohn von Albert und Hedwig |
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Dieses Foto entstand gegenüber dem Anwesen von Emil Marx. Es zeigt die schüttere Hofreite hinter dem Hoftor an der Ecke Kirchstraße und Sandböhl, die später durch den Luftangriff auf Groß-Gerau zerstört wurde, mit dem Blick auf die evangelische Stadtkirche und die ebenfalls zerstörte Kirchschule ("Volksschule") im Hintergrund. Das Gelände besetzt heute einerseits die Volksbank, andererseits das evangelische Gemeindezentrum. Das Foto lässt Emilie Marx (sitzend), und die Tochter Hedwig Marx (gegen die Fahrtrichtung sitzend).erkennen. Das Foto stellte Heidemarie Leins, Stadt- und Kreisrätin in Bretten, zur Verfügung. |
Recherchen im Jahr 2008 ergaben folgende Informationen über die Menschen und die Häuser, in denen sie wohnten:
Es ist mehrfach zu beobachten, dass Geschwistern oder Vetter gleichen Nachnamens ein jeweils sehr unterschiedliches Schicksal zu Teil wurde. So in der Familie Marxsohn, in der Familie Oppenheimer, in der Familie Kahn und so auch in der Familie Marx: Salomon und seinen Angehörigen gelang nämlich die Flucht, während der Bruder Michael Marx, genannt Emil, in den Tod getrieben wurde. Zeitzeugen erinnern sich daran, dass schon in den Tagen des reichsweiten Pogroms 1938 jener Emil besonders sadistischen Peinigern ausgesetzt war: Sein kahler Schädel wurde mit einem stacheligen Kaktus traktiert. In den Entschädigungsakten heißt er Michel, in der Deportationsliste Emil, am 5. Januar. (oder Juli, oder August) 1873 in Groß-Gerau geboren, verheiratet mit Emilie Marx, geb. Kramer, Vater von Tochter Hedwig, geb. am 21. 8. 1909 und Sohn Martin, der 1911 in Frankfurt zur Welt gekommen war. Sohn Martin allein gelingt die Flucht ins amerikanische Exil. Die Familie ist alteingesessen, wie die Eintragung der Frucht- und Mehlhandlung im Adressbuch von 1911 vermuten lässt. Die Eltern von Emil sind Marx Marx und Hannchen, geb. Feitler im Sandböhl 14 oder der Kirchstraße 9. Michael Marx ist Mitinhaber des Getreide- und Futtermittelgeschäfts „Marx Marx“. Der andere Teilhaber ist Salomon Marx mit Sitz in der Frankfurter Straße. Das Unternehmen wird 1937 liquidiert. Dazu gehören auch die Liegenschaften am Sandböhl und im Riesengässchen, die 1940 zwangsweise verkauft werden müssen. Michael wird wie andere vermögende Juden auch zur Leistung einer Judenvermögensabgabe von 16.652,25 RM und einer DEGO-Abgabe von 9.506 RM gezwungen. Seine Konten werden gesperrt und kleine Summen sind lediglich auf Antrag von Fall zu Fall zur Bestreitung des Lebensunterhalts nach Genehmigung verfügbar. Die Judenvermögensabgabe der Tochter Hedwig beträgt 6500 RM. Letzte Zuflucht vor der Deportation findet Michael Marx seit dem 12. 12. 1938 zusammen mit der Tochter Hedwig in der Fürstenbergerstraße 167 in Frankfurt. Von dort wird er am 1. 9. 1942 im Alter von 69 Jahren bei der achten großen Deportation aus Frankfurt in das Durchgangs- und Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt, wo er wahrscheinlich ums Leben kommt. Ähnliches widerfährt der Tochter. Ihr Todesdatum wird auf den Tag des Kriegsendes, den 8. 5. 1945, festgesetzt. Eine Erinnerungstafel auf dem jüdischen Friedhof Groß-Gerau Grab B 5/37 trägt die Aufschrift „U 1942 Auschwitz“. Das Leben der Ehefrau Emilie, geb. Kramer, die 1881 in Groß-Gerau geboren ist, endet nach unseren Rercherche schon 1924. Was wurde aus dem Eigentum der Familie Emil Marx? Im Grundbuch Groß-Gerau (Band X Blatt 749) lautend auf Michael Marx, genannt Emil, gehen die Eintragungen bis auf die Zeit seiner Anlegung im großherzoglichen Amtsgericht 1907 zurück. Am 9. 6. 1920 ist die Auflassung zum Erwerb eines Ackers durch Emil Marx von E. Th. Käss zu lesen. Letzterer weist sich mit einer französischen Identitätskarte der Besatzungsmacht aus – ein Detail von allgemein historischem Interesse aus der Besatzungszeit nach dem Ersten Weltkrieg. Am 28. 11. 1928 überlässt Jakob Marx Groß-Gerau, August-Bebel-Straße 9, ein Grundstück an Michael Marx. In diesem Zusammenhang weist eine Heiratsurkunde darauf hin, dass Jakob Marx mit Sophie, geb. Mai, seit dem 22. 2. 1912 verheiratet ist. Die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen beiden sind nicht feststellbar. Ein Strafbefehl und Strafverfahren gegen Michael Marx „Getreide, Mühlenfabrikate und Futterartikel“ vom 6. 10. 1930 ff. konnten inhaltlich nicht konkretisiert werden. Die Walzmühle Ludwigshafen, ein Geschäftspartner des Unternehmens der beiden Marx-Brüder, fragt am 20. 5. 1931 an, wie die Liegenschaften, Akzepte über 11853,50 RM vorliegen. Das reichsweite Flurbereinigungsverfahren mit Vollzug seit 10. 5. 1937 bezieht sich am 19. 8. 1939 auf zwei Grundstücke. Am 29. 8. 1941 wird das Grundbuch geschlossen; und das letzte Aktenstück datiert vom 20. 7. 1942. Die Fortsetzung findet in Band 87, Blatt 4256 Grundbuch Groß-Gerau statt und beginnt, chronologisch mit einer Eintragung über die Nachbesitzer. Es handelt sich um das Ehepaar Karl Burkert, Frankfurter Str. 24, das am 31. 1. 1940 die Hofreite in der „Kirchstraße, Wohnhaus in der Sandböhlstraße 14“ von Michael „Israel“, genannt Emil Marx, jetzt Fürstenbergerstraße 167 Frankfurt a. M. zum Preis von 15.000 RM erwirbt. „Der Verkäufer ist Jude“. Der Einheitswert beläuft sich auf 10.500 RM. Der Landrat genehmigt den Verkauf am 10. 6. 1940 gemäß Art. II §8 der Verordnung über den „Einsatz Jüdischen Vermögens“ vom 3. 12. 1938. Der Kaufpreis des in der Kanzlei Höfle abgewickelten Geschäfts wird von der Oberfinanzdirektion auf 7527 RM herabgesetzt, der Betrag auf einem Devisenbankkonto storniert. Das heißt, jede Verfügung setzt die Zusage der Devisenstelle voraus. Die Beschwerde des Verkäufers Michael Marx vom 10. 7. 1940 über die Herabsetzung des Kaufpreises wird letztentscheidend zurückgewiesen. Das Grundbuch berichtet über Grundschuldlöschung- und Neubestellung. Am 18. 11. 1950 wird ein Rückerstattungsantrag seitens Martin Marx Chicago Illinois, Erbe nach Emil Marx, bestätigt. Dieser folgt die Vermögenssperre gegen die Eheleute Karl Burkert und seine Ehefrau Emilie, geb. Stude seitens des Amtes für Vermögenskontrolle und Wiedergutmachung in Darmstadt. Es geht mit Recht von der Vermutung, dass der Kaufvertrag vom 31. 1. 1940 nicht freiwillig zustande kam. Bereits am 29. 10. 1951 wird die Vermögenssperre gegen die Eheleute Burkert aufgehoben. Einzelheiten über das in solchem Fall übliche Vergleichsverfahren zwischen Martin Marx und Bevollmächtigtem und den Eheleuten Burkert sind hier nicht belegt. Am 10. 9. 1952 wird das Verfahren als erledigt gemeldet. Am 30. 8. 1967 verkauft die Witwe Emilie Burkert als Erbin nach Karl Burkert, das Grundstück und Haus an die Eheleute Helmut und Dorothea Gräff, die den Sandböhl 8 zum bekannten Reformhaus umbauen. Ein weiterer Kaufvertrag berührt das Riesengässchen, gleich um die Ecke des Sandböhl 8: Am 8. 10. 1940 verkauft der von Michael „Israel“ Marx, jetzt in Frankfurt a. M. Fürstenbergerstraße 167 bevollmächtigte Emil Elias Blum, Darmstadt, Georgenstraße 10, für 2000 RM die Hofreite in der Kirchstraße (I, 110, 300 qm), das ist eine Lagerhalle im Riesengässchen an Otto Faulstroh. „Verkäufer ist Jude“ – der vertragliche Hinweis auf die VO über den Einsatz jüdischen Vermögens. Die Vollmacht auf Blum wurde am 6. 10. 1940 durch Michael Marx (Kennkarte Nr. A 08169, Frankfurt) erteilt. Der Landrat genehmigt den Verkauf, allerdings wird der Kaufpreis auf 1430 RM herabgesetzt und auf ein Sperrkonto bei einer Devisenbank überwiesen. Die Verhandldung findet am 4. 8. 1941 im Notariat Höfle statt. Die vom Amt für Vermötenskontrolle und Wiedergutmachung in Darmstadt 1948 verhängte Vermögenssperre auf das Riesengässchen und die August-Bebelstraße 17 gegen Otto und Albert Faulstroh in der August-Bebel-Straße 24/26 bleibt ausdrücklich bestehen (Bd. X Bl. 749, Fl. I Nr. 110 und Bd. VI, Bl. 443, Fl. I Nr. 407). Am 18. 11. 1950 wird Martin Marx, Chicago als Nacherbe für Rückerstattungsansprüche der Kirchstraße 17, Lagerhalle, Riesengässchen, 300 qm erwähnt: Grundbuchauszüge ab dem 30. 1. 1933 werden angefordert. Es ist anzunehmen, dass ein landgerichtlicher Vergleich stattfindet, der die Besitzverhältnisse nicht anrührt. Wer lebte mit Emil Marx im Haushalt, wer fand zeitweise Zuflucht im Sandböhl 14? Da ist zuerst Johanna Kossmann zu nennen, geb. Mayer in Herrnsheim am 29. 12. 1874, Witwe, die den Haushalt von Emil Marx nach dem frühen Tode seiner Frau als Haushälterin führt. Sie wird zusammen mit dem Hausherrn und seiner Tochter am 2. 9. 1942 von Frankfurt aus nach Theresienstadt deportiert und findet dort den Tod am 15. 11. 1942. Ferner leben dort zeitweise die Eheleute Albert und Hedwig Kaufmann, geb. May aus Geinsheim, nachdem sie ihr Haus dort 1936 an Phililpp Kunz IV. verkauft hatten Albert ist 1884 in Bisses, Hedwig in Geinsheim 1869 geboren. Beide werden von Frankfurt, Grüne Straße III im November 1941 bzw. am 15. 6. 19432 an einen unbekannten Ort in Polen deportiert, sind dort „verschollen“ und werden zum Kriegsende am 8. 5. 1945 für tot erklärt. Sie haben zwei Söhne, von denen der eine nach USA, der andere, Menachem Kaufmann, nach Jerusalem emigriert. Menachem besuchte in den 80er Jahren die alte Heimat und teilte seine Forschungen über das Landjudentum in Hessen mit. |
