
Mittelstraße 2 / Ecke Darmstädter Straße
| Hier wohnte | Alter
im Jahr 1933 |
Schicksal | Bemerkungen |
|---|---|---|---|
| Siegfried Kahn geb. 12.10.1878 |
55 | 1937 ausgewandert in die USA | |
| Frieda Kahn geb. Lehmann geb. 25.5.1887 |
46 | 1937 ausgewandert in die USA | |
| David Kahn | ? | verstorben | Vater von Siegfried |
| Eva Kahn geb. 25.7.1860 |
73 | ? | Mutter von Siegfried |
| David Kahn geb. 30.9.1909 |
24 | 1937 ausgewandert in die USA | Sohn von Siegfried und Frieda |
| Norbert Kahn geb. 8.10.1910 |
23 | 1937 ausgewandert in die USA | Sohn von Siegfried und Frieda |
| Thekla Kahn geb. 16.8.1912 |
21 | 1937 ausgewandert in die USA | Tochter von Siegfried und Frieda |
| Heinrich Kahn geb. 2.9.1914 |
19 | 1937 ausgewandert in die USA | Sohn von Siegfried und Frieda |
| Erna Kahn geb. 4.3.1916 |
17 | 1937 ausgewandert in die USA | Tochter von Siegfried und Frieda |
| Max Kahn geb. 11.10.1861 |
72 | 1937 ausgewandert in die USA | Bruder von Siegfried |
| Rudolf Kahn geb. 6.5.1884 |
49 | 1937 ausgewandert in die USA | Bruder von Siegfried |
| Albert Kahn geb. 28.1.1888 |
45 | 1942 von Köln deportiert nach Getto Minsk, dort ermordet | Bruder von Siegfried |
| Berta Kahn geb. Lehmann geb. 4.11.1892 |
41 | 1937 ausgewandert in die USA | Ehefrau von Rudolf |
| Else Mann geb Kahn geb. 14.5.1897 |
36 | 1941 deportiert nach Getto Minsk, dort ermordet | Schwester von Siegfried |
| Max Mann geb. 5.6.1896 |
37 | 1941 deportiert nach Getto Minsk, dort ermordet | Ehemann von Else |
| Inge Mann geb. 13.10.1927 |
6 | 1941 deportiert nach Getto Minsk, dort ermordet | Tochter von Max und Else |
Recherchen im Jahr 2008 ergaben folgende Informationen über die Menschen und die Häuser, in denen sie wohnten:
Siegfried und Frieda Kahn gelingt 1937 die Auswanderung nach Milwaukee und sie bevollmächtigen Siegfrieds Brüder Rudolf, Albert und Max zur Abwicklung ihrer Geschäfte in Groß-Gerau. 1940 wird gegen Leopold und Siegfried Kahn ein Sicherungsanordnungsverfahren eingeleitet. Leopold, der Kaufhausbesitzer, geboren in Worfelden. ist wahrscheinlich ebenfalls Bruder von Siegfried Kahn, dem die Flucht ins Exil nicht gelingt. Rudolf Kahn, geb. am 6. 5. 1884 in Worfelden, sechs Jahre jünger als Siegfried, wandert ebenfalls am 14. 12. 1937 zusammen mit seiner Ehefrau Berta, geb. Lehmann geb. 4. 11. 1892 in Schaafheim aus. Albert Kahn ist am 28. 1. 1888 in Worfelden geboren, wohnhaft in Bad Godesberg, Bonner Straße 10, wird nach dem Novemberpogrom seit dem 26. 11. 1938 im KZ Dachau inhaftiert und wird von Köln aus am 20. 7. 1942 nach Minsk Ghetto transportiert, wo er den Tod findet. Über Max Kahn, geb. 11. 10. 1861, den Kaufmann noch 1939 in der Rückerstraße 57, erfahren wir nichts. Zusammen mit ihren Eltern Siegfried und Frieda sind auch ihre Kinder ausgewandert. Sie alle wohnten in der Mittelstraße 2: David, geb. 30. 9. 1909, Norbert, geb. 8. 10. 1910, Thekla, geb.16. 8. 1912, Heinrich, geb. 2. 9. 1914, Erna, geb. am 4. 3. 1916, die vor 1937 die Heinrich-Merck-Schule in Darmstadt besucht. Thekla, betreibt als verheiratete Thekla Taussig die Wiedergutmachungsangelegenheiten ihrer Eltern in den fünfziger Jahren. Eva Kahn, Witwe, geb. am 25. 7. 1860 in Weisenau, ist eine von drei Frauen, die am 24. 10. 1938 von der israelitischen Gemeinde in Groß-Gerau als Mitglieder genannt werden. Die Mutter Siegfrieds ist am 15. 12. 1937 aus Worfelden, Hauptstraße 32, in die Mittelstraße 2 zugezogen und wahrscheinlich zu identifizieren mit der „Frau David Kahn, Witwe Eva, geb. Selig“, der das Anwesen vor dem Verkauf zuerst als Schenkung zukommen sollte. Gelang ihr noch die Flucht, oder ist sie umgekommen? Ihrem Mann David, nach dem eines der Kinder von Siegfried und Frieda benannt ist, bleibt diese Erfahrung erspart, da er vorher verstarb. Wer zieht in das große Wohnhaus Mittelstraße 2 zusätzlich ein? Else (Elsa) Mann, geb. Kahn, Tochter von David und Eva, verheiratet mit Max Mann, geb. 14. 5. 1897, in Worfelden zieht am 15. 12. 1937 von Worfelden in die Mittelstraße 2 zu und wohnt später in Frankfurt. Sie wird ab Frankfurt am 11./12. 11. 1941 nach Minsk Ghetto deportiert und ist dort umgekommen. Der Angestellte Max Mann, verheiratet mit Elsa, geb. Kahn, geb. am 5. 6. 1896 in Hahnheim, zieht am 15. 12. 1937 von Worfelden nach Groß-Gerau in die Mittelstraße 2 und wird am 11./12. 11. 1941 von Frankfurt aus nach Minsk, Ghetto deportiert wo er umkommt. Das Ehepaar Mann hat ein Kind namens Inge(borg), das am 13. 10. 1927 in Worfelden auf die Welt kam, mit den Eltern in die Mittelstraße 2 umzieht und von der letzten Frankfurter Adresse aus, der Rückertstraße 57, im Alter von 14 am 11. 11. 1941 bei der 2. großen Massendeportation zusammen mit ihren Eltern ins Ghetto Minsk verschleppt wird, wo sie umkommt. Auch Markus und Siegfried Schott sollen kurzfristig von der Frankfurter Straße in die Mittelstraße 2 eingezogen sein. Es ist anzunehmen, dass auch die alte Frau Eva, „Witwe David Kahn“ umgekommen ist, vielleicht infolge eines der Theresienstädter Transporte. Was wissen wir über das Haus in der Mittelstraße 2? Die Gewann, um die es sich hier handelt, begegnet im Grundbuch unter der alten Bezeichnung „neben der Darmstädter Straße und dem Klein-Gerauer Weg zieht quer durch“. Die Hofreite mit Grabgarten „in der Schafgass“ gehörte wohl 1868 Philipp Mischlisch und seiner Ehefrau, geb. Hirsch. Siegfried und Frieda Kahn kauften den relativ großen Besitz im Januar 1920 von Johannes Schulmeyer I. und seiner Ehefrau Elisabeth, geb. Nold, für 350.000 M zusammen mit einem Acker „auf dem Johannisberg“ (Grundbuch Bd. XV, Bl. 1164). Die Kahns in Worfelden und Groß-Gerau sind Pferdehändler und verfügen in der Groß-Gerauer Gemarkung auch über zahlreiche Äcker. Der entscheidende Kaufvertrag vom 11. 8. 1939 vereint Max Kahn, Kaufmann, Frankfurt, Rückertstraße 57 als Bevollmächtigten der Eheleute Siegfried Kahn und Frieda, geb. Lehmann, jetzt Milwaukee, Wisconsin, USA als Verkäufer und Friedrich Kohlhagen, Kaufmann, und dessen Ehefrau Anna, geb. Sperling, Mittelstraße Groß-Gerau als Käufer im Notariat Höfle. Die Mittelstraße 2 wird für 4500 RM verkauft. „Die Verkäufer sind Juden“ und bedürfen deshalb der Genehmigung durch den Reichsstatthalter. Diese wird am 28. 3. 1940 erteilt. Der Kaufpreis wird von 4500 RM auf 4200 RM herabgesetzt, der Verkaufserlös ist auf ein Auswanderersperrkonto bei der Devisenbank zu überweisen. Dass Max Kahn als bevollmächtigter Verkäufer auftritt, hat folgende Vorgeschichte: Siegfried und Frieda Kahn erteilen schon am 17. 12. 1934, augenscheinlich vorausschauend, Rudolf Kahn eine Generalvollmacht mit der Ergänzung, dass im Falle von dessen Ableben Albert Kahn in Bad Godesberg, Bonnerstraße 10, bevollmächtigt für die Eheleute handeln soll. Max Kahn, Kaufmann in Frankfurt, Kaiserstraße und Rückertstraße 57 ist der Bruder von Rudolf Kahn, der selbst zusammen mit seiner Frau Berta, geb. Lehmann, in der Mittelstraße 2 bis zum Verkauf wohnte. Kurz vor dem Verkaufsdatum vom 11. 8. 1939 wenden sich Siegfried und Frieda an das Amtsgericht Groß-Gerau: „Wir bestätigen hiermit, dass Herr Max Kahn, Frankfurt, Grüneburgweg 149, das Recht hat, unsere Hofreite in Groß-Gerau Hessen, Mittelstraße Nr. 2 unserer Mutter Frau David Kahn, Witwe Eva Kahn, geb. Selig zu schenken.“ Unterzeichner: Siegfried und Frieda Kahn Milwaukee, Wisconsin USA 10 7. 1939. Am 9. 9. 1939 teilt Max Kahn dem Amtsgericht mit, dass das Grundstück inzwischen verkauft ist und die Schenkung sich damit erledigt hat. Der Grundbuchauszug vom 21. 7. 1939, der das Ehepaar Kohlhagen als Eigentümer ausweist, enthält zugleich die Information über die Teilung des Grundstücks zu Gunsten der Eheleute Wilhelm Zimmermann und dessen Ehefrau Anna Maria Barbara, geb. Veith. Daher wird ein zweiter Kaufvertrag fällig: Ebenfalls am 11. 8. 1939. Rudolf Kahn, der seine Generalvollmacht der Eltern auf den Kaufmann Max Kahn, Frankfurt/M Rückerststraße 57, übertragen hat, verkauft im Namen von Siegfried und Frieda eine Scheuer mit Hofraum (nach der Teilung der Mittelstraße 2) an Wilhelm Zimmermann, Kinobesitzer und seine Ehefrau Anna Maria Barbara, geb. Veith, Darmstädter Straße für auf 2200 herabgesetzte RM. Wie üblich werden die „Verkäufer sind Juden“ in der Kanzlei Höfle darauf hingewiesen, dass der Vertrag der Zustimmung des Reichsstatthalters bedarf. Im positiven Bescheid (gültig vom 28. 3. 1940 bis 30. 6. 1940) wird zugleich verfügt, dass 2025,68 M auf dem Auswanderersperrkonto festzulegen sind. Die unterzeichnende Behörde ist „Der Oberfinanzpräsident. Devisenstelle.“ 17 Jahre nach dem ersten Kaufvertragsdatum, am 11. 7. 1946, wird Vermögenssperre auf die Eigentümer Mittelstraße verhängt und das Amt für Vermögenskontrolle und Wiedergutmachung in Darmstadt teilt dem Amtsgericht, Grundbuchamt Groß-Gerau mit, dass die JRSO das Rückerstattungsverfahren betreibt. Die Rückerstattungssache der Hessischen Treuhand GmbH gegen die Eheleute Kohlhagen und die beteiligte Kreisparkasse über das Objekt Grundbuch Bd. XXXVI, Bl. 2358, zum Preis von 4500 RM, herabgesetzt auf 4200 RM, veräußert am 11. 8. 1939 ist lt. Vertrag zwischen der JRSO und dem Land Hessen vom 13. 2. 1951 auf die – aktivlegitimierte- Treuhandverwaltung übergegangen. Der Vergleich beinhaltet: Das Eigentum bleibt bei den Käufern von 1939 gegen eine Ausgleichszahlung von 4000 DM, zu zahlen in Raten von 50 DM plus 6% Zinsen ab dem 1. 1.0 1951. Das Ergebnis ist sicher auch dadurch beeinflusst, dass die Mittelstraße 2 durch Fliegerangriff beschädigt wurde. Die Vermögenssperre gegen die Erwerber wird aufgehoben. Thekla Taussig, Tochter von Siegfried und Frida Kahn will am 13. 12. 1966 noch einmal über den Grundbuchauszug informiert werden, da sie, wohnhaft in Milwaukee, Wisc., USA „Grundbuchauszüge zwecks Vorlage bei der hiesigen Foreign Claims Settlement Commisson of the US in Washington DC.“ für Kriegsschadenersatz benötigt. Damit ist dieses Verfahren abgeschlossen. Ähnlich verhält es sich mit der „Scheuer mit Hofraum“. Die Vermögenssperre seitens des Amtes für Vermögenskontrolle und Wiedergutmachung wird am 28. 9. 1949 verhängt. Am 4. 2. 1952 erfährt das Grundbuchamt Groß-Gerau, dass die mittlerweile verwitwete Frieda Kahn Rückerstattung beantragt hat; im Mai 1952 wird der Sperrvermerk aufgehoben. Am 5. 6. 1952 ist das Rückerstattungsverfahren abgeschlossen. Der Vergleich zwischen Frieda Kahn, 4625 Terrace, Milwaukee 16, Wisc. USA, vertreten durch das Legal Aid Department in der Friedrichstraße 19, Frankfurt, und den Eheleuten Zimmermann bezüglich des Objekts Bd. XXXVI, Bl. 2357 besteht in einer Ausgleichszahlung der Käufer von 1939 von 600 DM, die bis 1. 6. 1952 auf ein Sperrkonto zu zahlen sind. Dem Verfahren ging die Rückerstattungsmeldung der JRSO bei der Zentralmeldestelle in Bad Nauheim am 5. 11. 1948 voraus und die Abtretung des Anspruchs an das Legal Aid Department am 13. 12. 1951. Ähnliche Stationen hat ein Kaufvertrag durchlaufen, den Rudolf Kahn für Siegfried und Frieda am 2. 12. 1937 mit den Eheleuten Adam Happel, Schlosser, und Katharina, geb. Schramm, Ludwigstraße 6 bezüglich eines Ackers „hinter den Weingärten“ abgeschlossen haben. Für dieses Rechtsgeschäft werden die Rückerstattungsakten am 17. 2. 1953 geschlossen. Wie ist es den Mitgliedern der Familie Kahn in der Zeit der Verfolgung ergangen? Sehr hilfreich sind die Rückfragen des Landrats in Groß-Gerau beim Amtsgericht vom August und September 1940 wegen der Anerkennung der deutschen Staatsangehörigkeit „des Juden Siegfried Kahn, geb. am 12. 10. 1878 in Worfelden, wohnhaft Mittelstraße 2, jetzt Milwaukee“, die sich auch auf Frieda Kahn, seine Ehefrau und deren Kinder David, Norbert, Thekla Kahn, Heinrich und Erna erstreckt. Der positive Bescheid darüber, dass Juden auch Deutsche sind oder Deutsche auch Juden sind, bedarf der Beweise durch vorangegangene Eintragung von Hypotheken in den Grundbüchern Groß-Geraus. Wenn ja, dann ja! Das Grundbuchamt bestätigt, dass die Übertragung der Mittelstraße 2 am 4. 6. 1940, zufolge der Auflassung an die Eheleute W. Zimmermann und F. Kohlhagen vollzogen wurde. Waren Dokumente entzogen worden, die es in den Vereinigten Staaten erschwerten, die deutsche Staatsangehörigkeit nachzuweisen? |