Darmstädter Straße 1

Hier wohnte Alter im
Jahr 1933
Schicksal Bemerkungen
Lehmann Guthmann
geb. 1835
- gest. 1.11.1918 Grab auf dem jüd. Friedhof
Babette Guthmann
ge. Guthmann
- gest. 11.3.1926 Ehefrau von Lehmann
Grab auf dem jüd. Friedhof
Adolf (Wolf) Kahn
geb. 13.6.1881
- gefallen im 1. Weltkrieg am 21.7.1918 Schwiegersohn von Lehmann und Babette
Grab auf dem jüd. Friedhof
Mina (Minna) Kahn,
geb. Guthmann
geb. 21.10.1881
52 deportiert nach Lublin;
ermordet
Tochter von Lehmann und Babette
Kurz- und Kolonialwarengeschäft
Gertrude (Trude) Kahn,
geb. 8.7.1911
22 ausgewandert in die USA Tochter von Adolf und Mina;
Verkäuferin im Geschäft
Herta Kahn,
geb. ?
? deportiert und ermordet Minsk Tochter von Adolf und Mina
Jakob Guthmann
geb. 29.1.1869
64 deportiert 1941 ins Getto Litzmannstadt; Todesdatum 15.1.1942 Bruder von Babette
Amalie Guthmann,
geb. Stein
? deportiert 1941 ins Getto Litzmannstadt; Todesdatum 15.1.1942 Ehefrau von Jakob

Recherchen im Jahr 2008 ergaben folgende Informationen über die Menschen und die Häuser, in denen sie wohnten:

Wolf oder Adolf Kahn, geb. am 13. 6. 1881, erlebte das Ende des Ersten Weltkriegs nicht mehr. Er liegt auf dem Jüdischen Friedhof in Groß-Gerau begraben. Er ist der Sohn des Elieser Halevi, hatte laut Archiv Diehl kein eigenes Haus, wohnte aber durch seine Heirat mit Mina oder Minna, geb. Guthmann, in der Darmstädter Straße 1. Paul Arnsberg zählt ihn zu den Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Danach wäre er nur 37 Jahre alt geworden. Seine Ehefrau Mina ist ebenso jung zur Witwe geworden. Als seltene Ausnahme wird sie im Groß-Gerauer Adressbuch 1926 als selbstständige Kurzwarenhändlerin geführt. Geboren am 21. 10. 1881 in Groß-Gerau, verlor sie ihren Mann als sie 36 war und erlebte die „Machtergreifung“ im fünfzigsten Lebensjahr. Das auch als „Kolonialwarenladen“ bezeichnete Geschäft in der Darmstädter Straße 1 gehörte vormals den Guthmanns. Dort müssen schon ihr Vater Lehmann Guthmann, im Alter von 83 am 1. 11. 1918, nach seinem Schwiegersohn Wolf verstorben, und ihre Mutter, Babette Guthmann, auch geborene Guthmann, die aus Hamm im Kreis Worms stammte, gelebt und gearbeitet haben. Beide sind auf dem Jüdischen Friedhof in Groß-Gerau beerdigt. Babette starb am 11. 3. 1926.

Babette hatte einen Bruder namens  Jakob Guthmann, geb. 29. 1. 1869, der vor 1939 in die Wöhlerstraße 4 nach Frankfurt a. M. zwangsweise verzog und von Frankfurt aus am 19./20. 10. 1941 ins Ghetto Lodz = Litzmannstadt verschleppt wurde; dort fand er den Tod am 15. 1. 1942 zusammen mit seiner Ehefrau Amalie, geb Stein.

Wie erging es Minna und den Töchtern Herta in Köln-Ehrenfeld und Gertrude in Groß-Gerau? Minnas letzte Adresse in Frankfurt ist die Seilerstraße 14, wo sie von Vermietungstätigkeit lebt; am 2. 6. 1942 wird sie an einen unbekannten Ort im Osten deportiert, wahrscheinlich nach Lublin, wo sie „verschollen“ ist. Ihr Todesdatum wurde auf das Kriegsende am 8.5. 1945 festgesetzt.

Die Tochter Herta, geb. in Groß-Gerau, wohnte als Erwachsene vor 1939 in Köln-Ehrenfeld, wurde mit Kölner Juden deportiert und starb, wie das Gedenkbuch des Bundesarchivs vermerkt, in Minsk, Belorussland (USSR). Einzig der Verkäuferin Gertrud (Trude) Kahn, die am 8. 7. 1911 in Groß-Gerau geboren wurde, gelingt die Flucht in die USA nach New York

In der früher so genannten Galgenstraße, später Darmstädter Straße 1, leben zur Zeit der Anlage des Grundbuchs (Flur I, Nr. 133 und 134) im September 1910 – ältere Eintragungen gehen bis 1872 zurück – Adolf und Mina Kahn, geb. Guthmann. Sie hatten 1910 geheiratet. Sie bestätigen am 23. 10. 1910, dass sie 10.000 Mark von der Bezirkssparkasse Groß-Gerau erhalten haben. Auch Lehmann Guthmann und Babette, geb. Guthmann, bezeugen diese Grundschuld. Lehmann Guthmann scheint die 513 qm und 437 qm, Hofreite mit Grabgarten 1910 auf die jungen Eheleute übertragen zu haben. Am 23. 8. 1926 wird die Aufwertung der aufgenommenen 10.000 PMK auf 2498 GM mitgeteilt.

Mina Kahn, inzwischen Witwe des Wolf = Adolf Kahn, vertritt die Tochter Herta Kahn, wohnhaft in Köln-Ehrenfeld, zusammen mit Gertrude Kahn, Verkäuferin in Groß-Gerau, als Nacherben beim Verkauf von Grundstücksteilen der Darmstädter Straße 1 an die Eheleute Christoph Gescheidle, Fahrradschlosser,  und seine Ehefrau Rosa Christina Kippes am 20. 3. 1935. Der Tod von Wolf Kahn am 21. 7. 1918 lag damals für die verwitwete Mina bereits 17 Jahre zurück. Herta Kahn hatte ihre Mutter bevollmächtigt, ihren Anteil an der Darmstädter Straße 1 mit zu verkaufen (Bd. XX, Bl. 1541 im Grundbuch, Groß-Gerau). Die Neuvermessung der Hofreite in der Galgenstraße hatte bereits am 6. 2. 1935 stattgefunden. Der Plan der neu vermessenen Grundstücke zwischen Darmstädter Straße, Jahnstraße und Hindenburgring (= Friedrich-Ebert-Anlage) vom 30. 1. 1935 ist in den Akten einsehbar und zeigt anschaulich deren Tiefe an.

Aus der Grundstücksteilung resultierte am 21. 10. 1935 ein weiterer Kaufvertrag: Mina Kahn, in Vertretung handelnd für Herta Kahn, Köln-Ehrenfeld sowie Gertrude Kahn, Verkäuferin, verkaufen die Hofreite (Fl. I 133 431 und Grabgarten (372) in der Darmstädter Str. 1 an August Wilhelm Oeder, Optiker und seine Ehefrau Frieda Johanna, geb. Theurer in Groß-Gerau zum Preis von 14.000 GM. Zu diesem Zeitpunkt leben die beiden Groß-Gerauer Kahns bereits in Frankfurt a. M.

Das Amt für Vermögenskontrolle und Wiedergutmachung in Darmstadt spricht am 1. 7. 1949 die Vermögenssperre gegen das Ehepaar Oeder aus (XX Bl. 1541, Fl I, 133) und die Jewish Restitution Successor Organization wünscht die Akteneinträge seit dem30. 1. 1933 zu erhalten. Die Vermögenssperre gegen August Wilhelm Oeder wird am 14. 9. 1950 aufgehoben. Wie der Vergleich bei der Wiedergutmachungskammer des Landgerichts Darmstadt aussah, ist nicht feststellbar.

1962 führt eine Neuvermessung zu einem Veränderungsnachweis im Grundbuch und zur Teilung zwischen der Darmstädter Straße 1 (Optiker Oeder) und Jahnstraße 2 (Gescheidle). Die Flurkarte veranschaulicht dies.